Evangelische Religion  -  eine Übersicht

 

1. Grundsätzliche Einsichten

Der evangelische Religionsunterricht am Kolleg versteht sich als eine Einführung in das christliche Denken. In diesem Sinne möchte das Fach vor allem religiöses Wissen, darüber hinaus aber auch christliche Wertvorstellungen und Lebensweisen vermitteln. Natürlich verbindet sich das mit einem tiefen Einblick in die Entstehung unseres abendländischen Kulturkreises.

Von daher ist leicht eingänglich, dass wir gut zwei Drittel der Themen und Inhalte mit der katholischen Fachschaft teilen. Nichts desto trotz gibt es aber auch gewichtige Unterschiede und Eigenheiten, die einen nach Konfessionen getrennten Unterricht, wie er in unserer bayerischen Verfassung verankert ist, sinnvoll erscheinen lassen.

So führt ein evangelisch geprägtes Christentum im Regelfall zu einem positivem Weltverständnis, das sich in der Hochschätzung menschlicher Gemeinschaft in Familie, Schule und Gesellschaft äussert, ebenso aber auch die Notwendigkeit alltäglicher Arbeit im Beruf als gottgefälliges Werk betrachtet.
Desweiteren sind evangelische Christen aufgerufen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Deshalb legt das protestantische Verständnis auch einen besonderen Wert auf die Verantwortung des Menschen bei der sozialen und kulturellen Gestaltung unserer Gesellschaft.

Bei aller Wertschätzung des Zeitgeistes kann evangelischer Glaube diesem doch nicht völlig unkritisch gegenübertreten. Jahrhundertelanges Nachdenken und verinnerlichte Spiritualität haben eine Lebenseinstellung und Weisheit hervorgebracht, welche den in der heutigen westlichen Hemisphäre allgegenwärtigen Materialismus, Gewinnstreben, Konkurrenz und nicht zuletzt einen übertriebenen Individualismus als oberflächlich und kurzsichtig beurteilt.

Insofern will das Fach evangelische Religion nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch an der Persönlichkeits-entwicklung der SchülerInnen Anteil nehmen. Gerade die evangelische Identität lebt zu einem nicht geringen Teil aus der Erkenntnis, dass Gott unsere ureigene menschliche Existenz, trotz aller unserer Schwächen, will und bedingungslos annimmt. Aus dieser Einstellung resultiert die Gewißheit, dass unser Leben niemals perfekt, sondern immer bruchstückhaft ist, aber dennoch einen tiefen Sinn in sich trägt. Ferner, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben vorfindlich und unverfügbar sind, also nicht durch uns selbst bestimmt oder erworben werden können.

 

2. Der Fachbereich evangelische Religion

All dies spiegelt sich im Aufbau und Struktur des Faches:
a.) So versuchen wir in der Unterstufe den Kindern religiöses Sach- und Grundwissen, sowie anhand von alt- und neutestamentlichen Geschichten erste Einblicke in die Vorstellungen und Lebenswelt der Bibel zu vermitteln. Methodisch geschieht das zumeist mit Erzählungen, Bildern zum Ausmalen, Rätseln, Bibliodramen oder Lückentexten.
b.) In der Mittelstufe wird demgegenüber schon eine deutlich stärkere historische Verortung und ein vertieftes auch übertragenes Verständnis der Heiligen Schrift erwartet. Wichtige Themen sind die Refomationsgeschichte, mögliche Deutungen von Kreuz und Auferstehung Christi, sowie Einblicke in andere Religionen, etwa das Judentum oder den Buddhismus. Hier wird zumeist mit Arbeitsblättern, die einen sachlichen Auftrag, den die SchülerInnen selbständig umsetzen müssen, gearbeitet.
c.) In der Oberstufe kommen dann schon grundlegende Fragen aus Theologie und Philosophie zur Sprache. Dies zumeist anhand von Gedanken und Ansichten namhafter Autoren aus Wissenschaft und Lehre. Wichtige Themen in diesem Schulabschnitt sind christliche Anthropologie, Erkenntnistheorie, theologisches Gottesverständnis im Alten und Neuen Testament, sowie philosophische Ethik. Hier sind erste Ansätze text-, literar- und redaktionskritischer Arbeit gefragt. Die AbiturientInnen sollen so befähigt werden ein eigenständiges, mündiges Urteil in religiösen Fragen fällen zu können. Nachdem die letzten beiden Jahre auf eine etwaige Ausbildung an einer Hochschule vorbereiten sollen, pflege ich hier den Unterricht im Vorlesungsstil abzuhalten.

Neben dem eigentlichen Unterricht möchten wir natürlich auch eine christliche Lebensauffassung und zumindest ansatzweise religiöse Praxis vermitteln. Dazu dienen eine Vielzahl von Veranstaltungen, angefangen beim täglichen Gebet, über die (zumeist) ökumenischen Schulgottesdienste, bis hin zum Schulbibelkreis und der persönlichen Seelsorge, für die wir als Schulpfarrer jederzeit ansprechbar sind.
Viele dieser Veranstaltungen stehen den SchülerInnen fachübergreifend und unabhängig von ihrer konfessionellen Bindung offen.

Insgesamt wird von den meisten SchülerInnen der evangelische Religionsunterricht als willkommene Abwechslung im Schulalltag aufgefasst, weil hier jenseits von Lehrplan und Unterrichtsstoff zeitlose Themen zur Sprache kommen, welche die Jugendlichen selbst betreffen: Wer bin ich? Was ist mir wirklich wichtig? Wie kann ich die Erfahrung von Leid und Schuld verarbeiten? Worauf kann und darf ich stolz sein? Was will ich in meinem Leben erreichen? Welchen Sinn hat mein Leben? Was ist Glück, was Liebe? Was denke ich über den Tod und meine eigene Vergänglichkeit?

Nicht, dass wir Religionslehrer hierauf eine einfache und zufriedenstellende Antwort geben könnten. Aber das eigentliche Wesen der Religion besteht vielmehr im suchenden Fragen, denn aus simplen Antworten. Letztendlich verheißt uns Gott: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“

(Jeremia 29,13f.)

Marcus Reichel, Fachbetreuer

Text ev